“Das geht nur gut, wenn alle mithelfen.” dachte sich die Taufkirchnerin Alexandra Kraus, als sie im Sommer 2015 die Bilder im Fernsehen sah. Die Lehrerin meldete sich beim Helferkreis und übernahm mit Dorothy Dittmann den Alphabetisierungskurs. Das erste Mal war ihr schon etwas mulmig zumute, erinnert sich Frau Kraus. Würde das gute Dutzend junger Männer sie als Lehrerin akzeptieren? Doch die Schüler waren überraschend höflich und trugen sogar ihre Tasche zum Auto. Besonders die Afghanen blieben dem Kurs lange treu, und aus dem Kontakt entwickelte sich schließlich eine Haus-Patenschaft. Viele Gespräche drehen sich dabei um kulturelle Unterschiede: Wann gibt man in Deutschland die Hand? Wie feiert man Geburtstag? Was schmeckt den Deutschen? Für uns überraschend: den Afghanen macht das Schlafen im Vierer-Zimmer nichts aus. Sie schlafen doch auch zuhause auf engem Raum, erklären sie. Dafür verstehen sie nicht recht, was es mit Altersheimen auf sich hat. Wozu brauchen die Deutschen das? Da kommt man beim Erklären dann schon mal ins Nachdenken. 

Immer wieder spricht Frau Kraus mutig Asylbewerber an. “Nehmt die Kapuzen ab, das macht den Menschen hier Angst.” sagt sie einmal einer Gruppe überraschter Asylbewerber vor dem Penny Markt, nachdem eine Frau ihre Sorge geäußert hat. Ein andermal wollte sie einen Flüchtling kritisieren, den sie zum Arzt begleitete. Sie warteten neben einer Gruppe älterer Damen am Bahnsteig und als die S-Bahn einfuhr, ging der junge Mann als erster zur Tür und drückte auf den Knopf. Gerade wollte sie einschreiten, da trat er zur Seite und lud die Damen mit einer freundlichen Geste zum Einsteigen ein. “Die waren ganz überwältigt, bedankten sich wortreich, und setzten sich dann zu uns. Und ich wollte schon schimpfen!” 

Ein Besuch in den Feel Home Häusern ist Frau Kraus besonders in Erinnerung geblieben. Sie wollte ein paar alte Fernseher verteilen, die sie in ihrer Nachbarschaft aufgetrieben hatte. Es erschien ihr sehr günstig, dass die ganze Gruppe gerade zusammen saß. Doch dann wurde ihr erklärt, man sei gerade mitten in einer Trauerfeier — ein Flüchtling hatte eine Angehörige auf tragische Weise verloren. “Und da komme ich rein mit meinen blöden Fernsehern!” Sie wollte gleich wieder verschwinden, aber die Asylbewerber baten sie, zu bleiben. “Es ist wichtig.” sagten sie immer wieder. Frau Kraus war berührt und blieb. “Aber ich wusste nichts vom Ablauf einer solchen Feier, und verstand kein Wort, und hatte große Angst, etwas unpassendes zu tun. Da wurde mir bewusst: genau so fühlen sich die neu ankommenden Flüchtlinge wahrscheinlich auch.” 

Barbara Zenger-Landolt

 

Von der Deutschlehrerin zur Haus-Patin: “Ich wollte einfach mit anpacken.”
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