Seit drei Jahren wohnen Michael Schanz und Mahari Tesfu unter einem Dach. Es ist eine ungewöhnliche und harmonische Wohngemeinschaft.

Taufkirchen – Mutig fanden es die einen, ein wenig verrückt andere. Für Michael Schanz war es eine ganz logische Entscheidung, vor drei Jahren einen Flüchtling bei sich aufzunehmen. Seine Frau war gestorben, er lebte allein in einem 150 Quadratmeter großen Reihenhaus. Er hatte Platz und wollte wieder „etwas mehr Leben in der Bude“.

Schon zuvor hatte sich der 66-Jährigebeim Helferkreis Asyl engagiert, wusste also, wen er ansprechen konnte. So lernte er Mahari Tesfu kennen. Der junge Mann war 2015 in Taufkirchen angekommen und lebte dort in der Zeltnotunterkunft im Sportpark. Mit 14 Jahren war er allein aus seiner Heimat Eritrea vor dem Militärdienst geflüchtet. Über Äthiopien, den Sudan und Libyen war er mithilfe von Schleppern bis nach Deutschland gekommen. Er war durch die Wüste gewandert und beinahe gestorben, in Libyen fast erschlagen worden. „Und trotzdem ist er ein unglaublich positiver Mensch“, sagt Schanz.

Die Chemie zwischen den beiden passte von Anfang an. Wie Schanz selbst ist der 22-jährige Eritreer ein kommunikativer Mensch, erzählt viel von seinen Erlebnissen und von seiner Heimat Eritrea. Michael Schanz hört ihm gerne zu. „Ich habe so viele Dinge über Afrika gelernt und erfahren, das ist einfach toll.“

Staunen über den Putzteufel

Im Dachgeschoss des Hauses hat er Mahari Tesfu, der als anerkannter Flüchtling eine Aufenthaltsgenehmigung besitzt – Voraussetzung dafür, dass er aus der Notunterkunft ausziehen durfte –, seinen eigenen Bereich eingerichtet, mit Bad und kleiner Küche. „Und das Wichtigste: Wir haben von Anfang an Klartext gesprochen“, sagt Schanz. „Habe ich ein Problem, sag ich es, und genauso darf er auch sagen, wenn ihn etwas stört.“ Ein Rezept, das gut funktioniert. Probleme gab es in den drei Jahren nicht.

Ein „Putzteufel“ sei sein Mitbewohner. Jeden zweiten Tag laufe im Obergeschoss der Staubsauger. „Und viele denken, man hat bei so einem Mitbewohner immer einen Schwung Afrikaner im Haus“, sagt Schanz. Mahari Tesfu hat wenig Besuch, auch weil er meist weg ist beim Arbeiten. Derzeit in der Küche eines Restaurants – bis spät abends, auch am Wochenende. Sein Ziel ist es, eine Ausbildung zu machen, ein gutes Leben zu führen, einmal Familie zu haben. Wie er dieses Ziel erreicht, ist seine Sache. Michael Schanz redet ihm nichts ein. Natürlich hinterfragt er Sachen kritisch, gibt Tipps und hilft auch mal bei einer Bewerbung. „Aber die Entscheidungen für sein Leben muss er selbst treffen.“

Freundschaft auf Augenhöhe statt Helfersyndrom

Zwischen den beiden hat sich eine echte Freundschaft entwickelt. Eine auf Augenhöhe. „Ich helfe ihm, wenn er es braucht und er hilft mir.“ Die beiden kochen ab und an zusammen, haben Ausflüge gemacht, etwa zum Kirchsee, und reden vor allem viel. Schanz’ Entscheidung, Mahari Tesfu in seinem Haus aufzunehmen, sei nicht einem „Helfersyndrom“ geschuldet. „Das ist einfach schön und auch ganz praktisch, jemanden im Haus zu haben, wenn ich mal nicht da bin, was öfters vorkommt.“

Bereut hat er die Entscheidung nie. Und er würde sich wünschen, dass noch mehr Leute den Mut fänden, einen Flüchtling bei sich aufzunehmen. „Ich kenne so viele Menschen, die allein und oft auch einsam in großen Häusern leben“, sagt Schanz. Doch die Angst, sich da nur Ärger ins Haus zu holen, überwiege. Dabei sei ihm bei seiner Arbeit im Helferkreis Asyl immer wieder aufgefallen, wie ausgeprägt die Fähigkeit der meisten Geflüchteten sei, auf andere einzugehen und Rücksicht zu nehmen. „Viel ausgeprägter als bei uns Deutschen.“ Und man könne sich ja schließlich auch aussuchen, wen man aufnehme. „Und wenn es nicht klappt, wird man denjenigen auch wieder los.“ Die Miete – falls der- oder diejenige noch keine Arbeit hat – zahlt im Übrigen das Landratsamt.

Michael Schanz’ Bekannte und Freunde freuen sich jedenfalls immer, wenn sie Mahari Tesfu treffen. Und heuer an Weihnachten hat ihn Schanz’ Schwester zu sich eingeladen – einfach, weil der fröhliche junge Mann aus Eritrea eine Bereicherung ist.

Artikel von Doris Richter, veröffentlicht am 27.12.2019 im Münchner Merkur

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